"Ich gründe mal eine GmbH." Den Satz höre ich immer öfter, wenn ich mit Freelancern rede, die gut laufen. Manchmal klingt er nach Strategie. Meistens klingt er nach Bauchgefühl.
Beides ist okay, aber nur eines davon führt zur richtigen Entscheidung. Ich habe selbst lange überlegt, ob eine GmbH der nächste Schritt wäre. An der Network School kenne ich inzwischen Dutzende Freelancer, die genauso gedacht haben. Die Antwort war fast immer: noch nicht. Hier ist die Analyse mit den Zahlen, die ich damals gerne gehabt hätte.
GmbH vs. Einzelunternehmen: Die grundlegenden Unterschiede
Bevor wir zu den Zahlen kommen, kurz die Grundlagen. Viele Freelancer gehen diese Frage mit dem falschen Fokus an.
Haftung: Der oft genannte Vorteil der GmbH
Die GmbH schützt dein Privatvermögen. Als Einzelunternehmer oder Freiberufler haftest du mit allem, was du hast: Sparkonto, Auto, Eigenheim. Die GmbH ist eine eigene Rechtspersönlichkeit. Geht sie pleite, ist dein eingebrachtes Stammkapital weg, aber dein Privatvermögen bleibt unangetastet.
Klingt gut. Aber sei ehrlich: Wie hoch ist dein reales Haftungsrisiko als UX Designer, IT-Consultant oder Texter? Du entwickelst keine Pharmaprodukte und baust keine Staudämme. Das Haftungsargument zieht stärker für Berater, die bei Fehlentscheidungen echte wirtschaftliche Schäden verursachen können.
Steuerliche Struktur: GmbH zahlt andere Steuern
Das ist der Kern der Debatte. Als Einzelunternehmer oder Freiberufler läuft dein Gewinn in die Einkommensteuer nach dem Progressionstarif, bis zu 42% ab 68.430 EUR (2026). Soli kommt für die meisten kaum noch dazu.
Die GmbH zahlt dagegen:
- Körperschaftsteuer: 15% auf den Gewinn, plus 5,5% Solidaritätszuschlag darauf (effektiv 15,825%)
- Gewerbesteuer: Immer. Eine GmbH gilt kraft Rechtsform als Gewerbebetrieb, ohne Wenn und Aber, ohne Freibetrag. Bei 400% Hebesatz (z.B. Köln) ca. 14% auf den Gewinn
- Gesamtbelastung auf einbehaltene Gewinne: rund 29-30%
Als Anteilseigner und Geschäftsführer zahlst du dann auf dein Gehalt wieder Einkommensteuer und auf ausgeschüttete Dividenden die Abgeltungsteuer (25% plus Soli).
Klingt nach mehr Schichten, weil es mehr Schichten sind.
Buchführung: Von überschaubar zu komplex
Als Freiberufler oder Einzelunternehmer unter 600.000 EUR Umsatz machst du eine Einnahmen-Überschuss-Rechnung (EÜR). Einnahmen minus Ausgaben. Mit moderner Buchhaltungssoftware gut selbst machbar.
Eine GmbH hat Pflichten:
- Doppelte Buchführung nach HGB
- Jährlicher Jahresabschluss (Bilanz und GuV)
- Offenlegung beim Bundesanzeiger
- Eintragung im Handelsregister
Das ist nicht mehr DIY-freundlich. Du brauchst einen Steuerberater, der Kapitalgesellschaften kennt.
Ab welchem Gewinn lohnt sich eine GmbH steuerlich?
Die Faustregel: 80.000 bis 100.000 EUR Jahresgewinn, nachhaltig
Diese Schwelle taucht überall auf. Sie stimmt, aber nur unter einer entscheidenden Bedingung: Du entnimmst Gewinne nicht vollständig als Gehalt, sondern lässt einen erheblichen Teil im Unternehmen stehen.
Wer alles privat entnimmt, hat durch die Doppelbesteuerung (GmbH-Steuer plus Abgeltungsteuer auf Dividende) am Ende eine effektive Gesamtbelastung von 45-48%. Das ist schlechter als das Einzelunternehmen.
Rechenbeispiel: 80.000 EUR Jahresgewinn, Vergleich
Ich nehme einen Freiberufler ohne Gewerbesteuer (§18 EStG) mit 80.000 EUR Jahresgewinn und stelle ihn einer GmbH mit Vollthesaurierung gegenüber. Hebesatz: 400% (Beispielstadt).
Einzelunternehmen (Freiberufler):
| Position | Betrag |
|---|---|
| Jahresgewinn | 80.000 EUR |
| Einkommensteuer (vereinfacht, keine Vorsorgeabzüge) | ca. 23.000-25.000 EUR |
| Gewerbesteuer | 0 EUR |
| Steuerbelastung gesamt | ca. 29-31% |
GmbH mit Vollthesaurierung:
| Position | Betrag |
|---|---|
| Jahresgewinn GmbH | 80.000 EUR |
| Körperschaftsteuer (15% + Soli) | 12.660 EUR |
| Gewerbesteuer (14%, Hebesatz 400%) | 11.200 EUR |
| Steuer gesamt | 23.860 EUR (ca. 30%) |
Auf den ersten Blick: fast identisch. Die GmbH spart bei 80.000 EUR kaum Steuern gegenüber dem Freiberufler.
Jetzt kommen die Mehrkosten, die die GmbH zwingend verursacht:
- Steuerberater (Jahresabschluss, Buchhaltung, Körperschaftsteuer- und Gewerbesteuererklärung, deine eigene ESt als Geschäftsführer): 4.000-8.000 EUR/Jahr
- Offenlegung Bundesanzeiger, Handelsregister-Updates: 200-500 EUR/Jahr
Ergebnis bei 80.000 EUR: Die GmbH verursacht mehr Kosten als sie spart. Als Freiberufler liegst du günstiger.
Thesaurierung als eigentlicher Schlüssel
Das einzige Szenario, in dem sich die GmbH ab ~80.000 EUR lohnt: Du brauchst das Geld kurzfristig nicht privat. Du lässt es in der GmbH, investierst es dort in Wertpapiere oder Wachstum und nutzt die ~30% Steuerrate als günstigeren "Parkplatz" für Kapital.
Das ist das Modell, das gut verdienende Unternehmensberater und Selbstständige nutzen: die GmbH als Vermögensaufbau-Vehikel. Der steuerliche Vorteil ist kein "Nullmach-Trick", sondern ein Zinseffekt durch günstigere Steuerstundung.
Erst bei dauerhaften Gewinnen über 120.000-150.000 EUR, wo der Grenzsteuersatz konstant bei 42% liegt, werden die absoluten Ersparnisse so groß, dass die Mehrkosten der GmbH wirklich überkompensiert werden.
Wenn du alles als Gehalt entnimmst: Kein Steuervorteil
Das sagen die wenigsten klar: Wenn du als Geschäftsführer deiner GmbH ein Gehalt in Höhe des gesamten Gewinns beziehst, zahlst du auf dieses Gehalt wieder normalen Einkommensteuersatz. Dazu kommen Sozialversicherungsbeiträge als angestellter Geschäftsführer.
Kein Steuervorteil, alle Mehrkosten der GmbH. Das ist der häufigste Denkfehler, den ich sehe.
Was eine GmbH-Gründung wirklich kostet
Stammkapital: 25.000 EUR gebunden
Die GmbH erfordert ein Mindeststammkapital von 25.000 EUR. Zur Eintragung ins Handelsregister müssen mindestens 12.500 EUR auf dem Geschäftskonto liegen, der Rest muss "abrufbar" sein.
Das Geld ist nicht verloren, aber es ist gebunden. Als Liquiditätsreserve des Unternehmens, nicht als dein privates Polster.
Gründungskosten: 1.000 bis 2.500 EUR
| Posten | Kosten (ca.) |
|---|---|
| Notar (Musterprotokoll, 1 Gesellschafter) | 500-800 EUR |
| Handelsregistereintragung | 300 EUR |
| Gewerbeanmeldung | 30-60 EUR |
| Gesamt | 830-1.160 EUR |
Mit individuellem Gesellschaftsvertrag (mehrere Gesellschafter, Vesting-Regeln, komplexe Strukturen) schnell 2.000-3.000 EUR.
Laufende Mehrkosten: Der entscheidende Faktor
Das ist die Zahl, die in vielen "GmbH ab 60k"-Artikeln fehlt:
- Steuerberater: 4.000-8.000 EUR/Jahr (laufende Buchhaltung, Jahresabschluss, alle Steuererklärungen plus deine private ESt als Geschäftsführer)
- Offenlegung und Sonstiges: 200-500 EUR/Jahr
Als Freiberufler mit EÜR zahlst du für Steuerberatung 800-1.500 EUR/Jahr. Mit GmbH bist du bei 4.000-8.000 EUR. Die Differenz von 3.000-6.000 EUR/Jahr muss allein durch Steuerersparnisse kompensiert werden. Das braucht Zeit und einen hinreichend hohen Gewinn.
Freiberufler-Status und GmbH: Was du verlierst
Das ist der Punkt, den Online-Freelancer am häufigsten unterschätzen.
Gewerbesteuer: Freiberufler zahlen sie nicht, GmbH immer
Als Freiberufler nach §18 EStG (Ärzte, Anwälte, Architekten, Ingenieure, Designer, IT-Consultants) bist du von der Gewerbesteuer befreit. Kein Handelsregistereintrag, kein Gewerbe, keine Gewerbesteuer.
Gründest du eine GmbH, gilt: Eine GmbH ist kraft Rechtsform nach §2 Abs. 2 GewStG immer ein Gewerbebetrieb. Kein Freibetrag, keine Ausnahme. Deine inhaltlich freiberufliche Tätigkeit ändert daran nichts.
Bei 80.000 EUR Gewinn und 400% Hebesatz: 11.200 EUR Gewerbesteuer pro Jahr, die du als Freiberufler komplett sparst. Das frisst einen erheblichen Teil des rechnerischen Steuervorteils der GmbH auf.
Freiberufliche GmbH: Gibt es, aber mit starken Einschränkungen
Es gibt die "freiberufliche Partnerschaftsgesellschaft", aber sie ist eng begrenzt: Ärzte, Rechtsanwälte, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Architekten. Für diese Berufe gibt es die PartGmbB (Partnerschaftsgesellschaft mit beschränkter Berufshaftung), die Haftung begrenzt ohne Gewerbesteuerpflicht.
Für IT-Freelancer und UX Designer: Diese Variante steht euch nicht offen. Die GmbH macht eure Situation steuerlich zunächst teurer, nicht günstiger.
Was UX Designer, IT-Freelancer und Texter wissen müssen
Als Einzelperson könnt ihr als Freiberufler eingestuft werden, sofern eure Tätigkeit als "ingenieursähnlich" oder "künstlerisch" gilt. Das Finanzamt prüft das im Einzelfall. Viele Software-Entwickler, UX Designer und Content Creators bekommen diesen Status.
Mit einer GmbH entfällt diese Prüfung. Die GmbH ist immer gewerblich, zahlt immer Gewerbesteuer. Punkt.
Mehr zum Unterschied zwischen Freiberufler und Gewerbetreibendem findest du im Freiberufler-vs-Gewerbe-Vergleich, der das für Deutschland 2026 durchdekliniert.
UG als Mittelweg: Die Mini-GmbH für den Einstieg
Was die UG kann und was sie nicht kann
Die Unternehmergesellschaft (haftungsbeschränkt), kurz UG, ist die kleine Schwester der GmbH. Mindestens 1 EUR Stammkapital, Haftungsbeschränkung inklusive. Klingt verlockend.
Aber: Die UG muss nach §5a GmbHG jährlich 25% ihres Jahresüberschusses in eine gesetzliche Rücklage einzahlen, bis das Stammkapital 25.000 EUR erreicht. Du kannst Gewinne nicht vollständig ausschütten. Die UG ist eine automatische Sparmaschine Richtung GmbH.
Steuerlich: identisch zur GmbH. Körperschaftsteuer plus Gewerbesteuer. Kein Vorteil gegenüber der GmbH.
Wann die UG sinnvoll ist
Ehrlich gesagt: für etablierte Freelancer selten. Die UG passt besser zu:
- Frühen Startup-Phasen mit Mitgründern, wo ihr Haftung absichern wollt
- Projekten mit echtem Produkthaftungsrisiko
- Wenn ihr explizit die GmbH ansteuert und den Weg über die UG gehen wollt
Für einen UX-Freelancer oder IT-Consultant mit 60.000-100.000 EUR Jahresumsatz ist die UG fast immer die falsche Wahl. Die Mehrkosten entstehen sofort, die Steuervorteile erst später und nur unter den schon beschriebenen Bedingungen.
GmbH-Gründung 2026: Der Ablauf in der Praxis
Wenn du nach all dem noch überzeugt bist, hier der reale Ablauf:
Die Schritte
- Gesellschaftsvertrag erstellen: Bei einem Gesellschafter und unkomplizierter Struktur reicht das gesetzliche Musterprotokoll und spart Notarkosten.
- Notartermin: Pflicht. Auch bei der Online-Variante muss ein Notar die Beurkundung vornehmen.
- Stammkapital einzahlen: Mindestens 12.500 EUR auf das neu eingerichtete Geschäftskonto der GmbH i.G.
- Handelsregistereintragung: Der Notar meldet an, das Gericht prüft. Hauptbottleneck mit 2-4 Wochen Bearbeitungszeit.
- Gewerbeanmeldung: Je nach Stadt online oder persönlich, 30-60 EUR.
- Steuerliche Erfassung: Finanzamt schickt Fragebogen, den du zeitnah beantwortest.
Zeitrahmen: 4 bis 8 Wochen realistisch
Von erstem Notartermin bis zur fertigen Eintragung: 4-8 Wochen. In manchen Bundesländern schneller, aber plane großzügig.
Online-Gründung: Seit 2022 möglich, aber nicht komplett digital
Seit dem 1. August 2022 (DiRUG - Gesetz zur Umsetzung der Digitalisierungsrichtlinie) kannst du die GmbH per Videokonferenz mit dem Notar gründen. Kein persönliches Erscheinen mehr nötig.
Das gilt nur für Bargründungen (Stammkapital in Geld), nicht für Sachgründungen. Praktisch bedeutet es: Notar-Termin per Video, alles andere läuft weitgehend digital. Echter Zeitgewinn, aber kein komplett bürokratiefreier Prozess. Ein Notar ist weiterhin Pflicht.
Mein Fazit: Richtige Idee, meistens falscher Zeitpunkt
Ich sage Freelancern immer dasselbe: Die GmbH ist kein Steuer-Hack für gute Monate. Sie ist ein Werkzeug für Selbstständige, die systematisch Vermögen aufbauen, die nicht alles sofort privat brauchen und die die Mehrkosten durch echte Ersparnisse bei hohen Gewinnen überkompensieren können.
Die realistische Schwelle:
- Unter 80.000 EUR Gewinn: Fast immer die falsche Entscheidung, wenn Steueroptimierung das Ziel ist
- 80.000-120.000 EUR: Grauzone, hängt stark von der Thesaurierungsbereitschaft ab
- Über 120.000-150.000 EUR nachhaltig, mit echtem Thesaurierungswillen: Jetzt wird es interessant und lohnt die genaue Prüfung
Dazu kommt das Freiberufler-Problem: Wer als §18-Freiberufler tätig ist und diesen Status bei einer GmbH verliert, zahlt plötzlich Gewerbesteuer. Das verschlechtert die Rechnung erheblich.
Starte als Einzelunternehmer oder Freiberufler. Null Kapital, null Notarkosten, minimale Bürokratie. Du kannst jederzeit umwandeln, wenn es wirklich Sinn macht. Was du bis dahin brauchst, ist ein gutes Grundverständnis des Freelancer-Wegs und, sobald die Gewinne wachsen, einen spezialisierten Steuerberater für Kapitalgesellschaften. Die Erstberatung kostet ein paar Hundert Euro. Das ist wesentlich billiger als eine falsch gegründete GmbH rückabzuwickeln.
In der NS-Community kommen diese Diskussionen regelmäßig auf. Viele Residents stehen genau an diesem Punkt: gute Projekte, solide Umsätze, und die Frage "Was ist der nächste Schritt?" Wenn du auch darüber nachdenkst und gleichzeitig remote oder international arbeitest, lohnt sich ein Blick auf das Programm. Bewirb dich hier und spar 25% auf die Teilnahme. Die Gespräche über Steuerstrategie, Rechtsform und Internationalisierung sind dort Tagesgeschäft.
Und bis die GmbH wirklich Sinn macht? Bleib als Freiberufler, fahr deine Umsätze hoch, und lass einen Steuerberater die Schwelle für dich konkret berechnen. Wenn die Zahlen stimmen, ist der Schritt schnell gemacht.
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